Rund um die Wiedervereinigung: LGBTQI+-Stimmen griechischer Migrant:innen werden sichtbarer

Der Beitritt Griechenlands zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Jahr 1981 und insbesondere die Regelung zur Gewährung persönlicher Freizügigkeit für griechische Staatsbürger im Jahr 1988 hoben das Einreiseverbot für in Westdeutschland Arbeit suchende Griechen auf. Die Art der Migration veränderte sich allerdings vor allem durch die verbesserte finanzielle Lage innerhalb Griechenlands: Westdeutschland zog nun hauptsächlich griechische Fachkräfte an und nicht mehr Griech:innen, die eine Anstellung als einfache Arbeiter:innen suchten, wie es in den Jahren 1960-1973 der Fall gewesen war.

Unter den Fachkräften waren auch griechische lesbische Frauen, die in Westdeutschland studieren und/oder arbeiten wollten. Einige von ihnen hatten in Eressos auf der Insel Lesbos , die schon seit dem Ende der 1970er Jahre zu einem beliebten Urlaubsort für lesbische Frauen aus zahlreichen Ländern geworden war, bereits deutsche Feministinnen getroffen (Kantsa 2010). Begegnungen in Eressos ermutigten einige dieser griechischen lesbischen Frauen, nach Deutschland auszuwandern, insbesondere nach Berlin und Hamburg. Griechische lesbische Migrantinnen erhofften sich dort, im Vergleich zu Griechenland, eine größere Freiheit, ihre Geschlechtsidentität und Sexualität ausdrücken und entwickeln zu können.

In Deutschland angekommen, beteiligten sich griechische lesbische Migrantinnen oft an lesbisch-feministischen Initiativen, sowohl in politischem als auch kulturellem Kontext. Häufig nahmen sie an Pride-Märschen teil und trugen damit zur wachsenden Beteiligung von Migrant:innen an feministischen Bewegungen in der Bundesrepublik bei (Gutiérrez Rodríguez & Tuzcu, 2021).

Die Proteste, an denen griechischer Migrant:innen in Westdeutschland beteiligt waren, müssen insgesamt im Zusammenhang der sich verändernden Haltung des westdeutschen Staates gegenüber Migrant:innen, der sich verbessernden finanziellen Lage Griechenlands und der Diversifizierung der sozialen Hintergründe betrachtet werden. Die Proteste waren alles andere als einheitlich, was die Heterogenität der in Westdeutschland lebenden griechischen Migrant:innen reflektiert. Auf die ein oder andere Weise lebten solche Proteste oft von der Zusammenarbeit von griechischen Migrant:innen, anderen Migrant:innen und deutschen Aktivist:innen, was sich besonders deutlich in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren zeigt.

Materialien

20, 21: Griechische Künstlerin als Nana Mouschouri in der lesbischen Bar Frauenkneipe in Hamburg 1991. Mit freundlicher Genehmigung von Evgenia Tsanana.

22, 23: Sichtbarkeit der Griechen in der Gay Pride von Hamburg 1999. Mit freundlicher Genehmigung von Evgenia Tsanana.